Text von Jörg Bergstedt zur Demo in Berlin am vergangenen Wochenende:
Hallo,
die Demo “Wir haben es satt!” ist vorüber - und ich fuhr mit deutlich gemischten Gefühlen wieder zurück. Meine Freude über die Demo 2011 (die ich nicht mitmachen konnte, weil ich im Knast saß) war groß: Ein weiterer Schritt vom ewigen Gegeneinander zwischen Naturschutz, LandwirtInnen, VerbraucherInnen - hin zu gemeinsamen politischen Kampagnen. “Faire Milch”, der Kampf gegen Schlachthöfe und Tierfabriken, gegen Gentechnik usw. gehörte in den letzten Jahren auch zu diesem Erlebnis, dass da zusammen kommt (und kämpft), was zusammengehört. Dass die anfängliche Euphorie raus ist, ist kein Beinbruch, sondern normal. Aber dass der Aufbruch in eine Art professionellen Bewegungsmanagement mündet, das halte ich - auch wenn es heutzutage ebenfalls üblich ist - für gefährlich. Genau so habe ich die Demo in Berlin aber erlebt. Hier trafen sich viele Menschen, die in ihren Kämpfen vor Ort zu guten Teilen ausgelutscht sind. Die Wallfahrt nach Berlin wird zur schlichten Wiederholung. Sie ist immer perfekter organisiert: Mit Bussen, mit professioneller Bühnenschau (fast komplett ohne Inhalte, dafür aber mit vielen Sprüchen und Bewegungsspielchen - eher ein “Wetten, dass …” im Freien als politischer Protest) und organisiert von einer seltsamen Sphäre völlig abgehobener Hauptamtlicher, die immer mehr nur noch eines im Blick haben: Diesen Protest immer zu wiederholen, denn er sichert ihre Jobs über die damit verbundenen Spenden und Förderungen.
Die Praxis des Protestes - von Blockaden an Tierfabriken über abgebaute Gentechnikschaugärten bis zur Gegenwehr gegen Behörden, Gerichte und mehr - sie kam in der niveaulosen Schau am Samstagsmittag vor leeren Regierungsgebäuden gar nicht mehr vor. Sie interessiert die BewegungsmanagerInnen auch nicht. Was zählt, sind Medienevents, Masse und Kasse.
Das alles spricht nicht für große Demonstration. Aber es bedarf einer anderen Verknüpfung. Die Basis widerständiger Praxis sind viele handlungsfähige Zusammenhänge in den konkreten Kämpfen. Wenn die dann einmal oder einige Male überregional zusammenkommen, um auch Masse zu zeigen, ist das gut. Wenn die Massenaktion aber die - hauptamtlich organisierte, d.h. auf Geld beruhende - Hülle für wenig Inhalt ist, dann läuft was falsch.
Ich jedenfalls werde weiter meinen Schwerpunkt in den konkreten Kämpfen suchen und würde mich freuen, wenn sich niemand blenden lässt von der selbstinszenierten und -verschuldeten Show in Berlin. Es wird auf Anderes ankommen. Und damit vor allem auf Euch. Eine andere Landwirtschaft entsteht aus dem konkreten Handeln, aus Protest, aus Aktion, aus Projekten, aus einer Praxis solidarischer Landwirtschaft und vielen mehr. Aber höchstens als Ergänzung aus Unterschriftenlisten, vorgefertigten Emails und dem Ausfüllen von Überweisungsträgern.
Falls nun jemand fragt: “Warum sagst Du denen das nicht?” Dann muss ich leider antworten: Habe ich versucht. Aber die reagieren gar nicht mehr in ihren Büro in irgendwelchen Hauptstädten. Bewegung ist da nicht anders wie Behörden. Die Apparate verselbständigen sich. Das ist keine Bosheit, sondern normal Wir aber sollten unnormal sein!
Beste Grüße aus der Projektwerkstatt in Saasen … Jörg B.